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Interview mit dem katholischen Sektenberater Joachim Müller
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Interview mit dem katholischen Sektenberater Joachim Müller
Gabrielle Keller: Kitsch- Engel gibt es zuhauf: Was sind Engel aber wirklich?
Joachim Müller: Engel sind Boten Gottes. Als solche werden sie auch in diversen Religionen wahrgenommen. Diese Boten nehmen im Namen Gottes Kontakt zu den Menschen auf, um diese zu stärken, zu beschützen, zu heilen und sie näher zu Gott zu führen. Ferner preisen sie Gottes Größe und machen diese sichtbar.
Gabrielle Keller: Sind Engel unabhängige Wesen?
Joachim Müller: Was immer Engel tun, sie tun es im Auftrag Gottes.
Gabrielle Keller: Aber sie halten sich nicht immer an diesen Auftrag. Es gibt auch gefallene Engel.
Joachim Müller: Gottes Geschöpfe können sich immer für oder gegen ihren Schöpfer entscheiden. Das gilt für Menschen wie für Engel.

Gabrielle Keller: Wäre es denkbar, dass Engel heute noch von Gott abfallen?
Joachim Müller:Das weiß ich nicht. Der Mensch erlebt in seinem Leben positive und destruktive Kräfte. Diese Mächte Gottes stehen einander gegenüber. In der Antike ging man davon aus, dass die Erde der Ort ist, wo der Kampf zwischen Gut und Böse ausgetragen wird.
Gabrielle Keller: Was unterscheidet das christliche Engelsverständnis vom esoterischen?
Joachim Müller: Für Christen stehen Engel immer im Zusammenhang mit einem persönlichen Gott, ihrem Schöpfer. Sowohl Engel als auch Menschen sind als solche von Gott gewollt.
Gabrielle Keller: Haben Sie schon Engel gesehen?
Joachim Müller: Gesehen nicht, aber erfahren. Das geschah in Grenzsituationen, als ich das Heilende und Schützende erfahren habe, als ich Gottes Führung spürte. Jedem von uns gewährt Gott Schutz in der Person eines Schutzengels. So wertvoll sind wir für Gott!
Gabrielle Keller: Es gibt aber auch Menschen, die von einem Unheil nach dem andern heimgesucht werden. Haben diese denn keinen Schutzengel?
Joachim Müller: Wenn wir nach dem "Warum" des Leides fragen, finden wir oft keine Antwort. Es ist vielleicht einfacher, nach dem "Wozu" zu fragen. Trotzdem kommen wir immer wieder an Grenzen, die wir manchmal hinnehmen müssen. Mir bedeutet es in solchen Momenten sehr viel, zu wissen, dass ich mich in jedem Moment auch mit meinem Zorn, meinen zweifeln und meinen Fragen an Gott wenden kann. Auch in den Psalmen fragen Menschen immer wieder nach dem "Warum" des Leides.
Gabrielle Keller: Wie sehen Engel aus?
Joachim Müller: Die Bibel kennt keine Engel mit Flügeln - außer in der persischen Überlieferung: den Cherubim und den Seraphim. Die Perser glaubten, der Thron Gottes werde durch Engel bewegt. Sie dachten, diese Zugwesen müssten Flügel tragen, um sich schneller vorwärts bewegen zu können. Das glaubten auch die Griechen, die Römer, die Ägypter und Angehörige der schamanischen Religionen. Um etwas begreifbar zu machen, macht sich der Mensch Bilder - so auch in Bezug auf die Engel.
Gabrielle Keller: Der Apostel Paulus hat geschrieben, einige von uns hätten schon unwissentlich Engel beherbergt.
Joachim Müller: Das stimmt. Es kann immer wieder geschehen, dass wir Menschen beherbergen, die Gott zu uns geschickt hat und uns eine Botschaft mitteilen.
Gabrielle Keller: Können das keine wahren Engel sein?
Joachim Müller: Doch. Besonders in Grenzsituationen kann es vorkommen, dass wir einem Engel in Menschengestalt begegnen.
Gabrielle Keller: Die Bibel spricht von "Heerscharen" von Engeln. Wie viel Engel gibt es?
Joachim Müller: Wie die Bibel sagt: unbegreiflich viel.
Gabrielle Keller: Soll man Kindern von Engeln erzählen?
Joachim Müller: Ja. Kinder sollen erfahren, dass Gott sie beschützt und begleitet und dass er dies über seine Engel tut. Damit kann man dem jungen Menschen den Zugang zu Gott ebnen und ihm zeigen: Gott ist für dich da!
 
Aus der Coopzeitung entnommen