Leprakolonie

Im Leprazentrum Gandhiji Prem Nivas in Titagarh, einem üblen Industrieelendsviertel nahe Kalkutta, spürt man den Stolz auf das unter den schwer entstellten Kranken bisher Erreicht und täglich neu Geleistete. Prem Anand, der 30 Jahre alte Bruder Direktor oder, wie er es lieber hört, Bruder Diener, berichtet, wie Mutter Teresa hier im Jahr 1959 anfing, Medikamente und Verbandszeug auszuteilen und mit einfachsten Mitteln Behandlungen vorzunehmen. Sie eröffnete ihre "Praxis" unter einem Baum auf einem verwahrlosten Grundstück, durch das sich offene Gräben mit ungeklärten Abwässern zogen. Die Leprakranken hausten in der Nähe in Kolonien, von denen aus sie zum Betteln oder Stehlen umherzogen.
"Mit der Zeit wurde dieses Stück Land voll Unkraut und Unflat zu einem Anziehungspunkt für die Leprakranken", erklärt Bruder Prem. "Dann war die Praxis nicht mehr unter dem Baum, sondern in einer mobilen Poliklinik, einem Lastwagen. Und dann stellten die Ortsbehörden etwas Land zur Verfügung, und Mutter Teresa konnte dieses Gebäude errichten. Heute zieht es Aussätzige aus ganz Indien hierher."
Jährlich kommen zur Diagnose und zur Verabreichung der Medikamente etwa 15000 ambulante Patienten. Durch die medikamentöse Behandlung können infektiöse Fälle zu nichtinfektiösen werden; sie kann die Krankheit zum Stillstand bringen und sogar heilen. Vom Aussatz befallen sind in Indien über drei Millionen Menschen, weltweit vielleicht zwölf Millionen. Mutter Teresas Brüder und Schwestern betreuen 186000 Erkrankte in 119 Zentren, davon 3350 stationär in 15 Heimen. Mutter Teresa hat mir erklärt: "Wir haben schon eine Menge vollständige Heilungen, zumal jetzt mit den neuen Medikamenten. Ein bisschen kostspielig, aber wunderbar, wunderbar."
In einem beengten Schlafraum untersucht ein Bruder den Zustand des 35jährigen Muni, eines ungelernten Tagelöhners. Mindestens zwei lepröse Flecken hat man an ihm festgestellt, und einer der beiden kleinen Finger ist von der Krankheit verkrümmt. Außerdem hat er eine charakteristische Nervenverdickung in der Ellbogengegend. Es wird entschieden, dass Muni einmal im Monat medikamentös behandelt werden soll.
"Die leichte Verkrümmung wird bleiben", sagt Bruder Prem Anand, "aber er wird geheilt werden. Das ist hundertprozentig sicher."
Noch vor wenigen Jahren hätte man damit rechnen müssen, dass Munis Krankheit sich ausbreitete und ihm Füße und Hände stückweise abgenommen werden müssten, da der Verlust des Gefühls in den Extremitäten zu Verletzungen führt und Infektionen nach sich zieht.
Im Zuge neuer Behandlungsmöglichkeiten hat Mutter Teresa mit Männern und Frauen aus den verschiedensten Lebensbereichen zu tun bekommen, denen infolge ihrer Krankheit nichts übriggeblieben war, als zu Bettlern oder Dieben zu werden. Damit ergab sich ein neuer Bedarf - diesen Menschen Arbeit und Ausbildung zu verschaffen, damit sie wieder Selbstachtung gewannen, ihnen ein kleines Einkommen zu geben, eine Unterkunft.
Mutter Teresa entschloss sich zu einem neuen Schritt. Sie ließ ihre Aussätzigen sich auf einem Streifen Land neben ein paar Bahngeleisen festsetzen; sie war entschlossen, sich das Land zu "ersitzen", das ungenutzt und von Abfall übersät war. Nach fünfjährigem Hin und Her überließ die Eisenbahn ihr das Gelände. Heute erheben sich darauf wetterfeste, luftige, blitzsaubere gelbe Baracken, umgeben von gepflegten Anlagen und Gemüsegärten. Erbaut wurden sie von den Aussätzigen selbst, die sich als Handwerker bewährten.
Die Brüder übernahmen das Leprazentrum 1974. Sie tragen weltliche Kleidung mit einem kleinen Ansteckkreuz am Hemd. Der Mönchsorden entstand im Jahr 1963, gemeinsam gegründet von Mutter Teresa und Bruder Andrew, einem australischen Jesuitenpriester, der schon lange Jahre in Indien lebte. Heute gehören ihm 400 Brüder an, verteilt auf 88 Gemeinschaften in 30 Ländern, und es liegen bereits 70 bischöfliche Anträge auf Neugründungen vor.
In einem langgestreckten Bau ist der 45 Jahre alte Ramesh dabei, Männer zu Sandalenmachern auszubilden. Ramesh ist seit seiner Kinderzeit aussätzig, seine Hände sind nur noch Stümpfe und die Füße größtenteils amputiert. Die Patienten, die mit der Herstellung von Sandalen, Bettlaken, Verbandszeug, Handtüchern, Bengalisarongs und Nonnensaris beschäftigt sind, verdienen am Tag zwölf Rupien - etwa 2,50 Mark. Andere wie Torwächter, Gärtner, Stationshelfer bekommen sechs Rupien am Tag.
Verstümmelte Füße treten die Holzpedalen, die die Webstühle in Bewegung setzen. In flinkem Rhythmus ziehen Handstümpfe die Schnüre, die das Schiffchen hin- und herflitzen lassen. Auf dem Boden sitzen Frauen und drehen altertümlich Spindeln, die das Garn für die Schiffchen aufspulen. Dies sind Maschinen, die anderswo seit 100 Jahren nicht mehr in Gebrauch sind. "Aber wenn wir modernere hätten, hätten wir keine Beschäftigung für unsere Menschen", erklärt Bruder Prem Anand.
In zwei langen Reihen leuchtend blau und rot gestrichener Baracken sind die Pflegestationen untergebracht, eine Kantine, eine Übernachtungsherberge und ein Kleines Elektrizitätswerk. Der 40jährige Maschinenwart Vijag ist seit neun Jahren hier. An den Händen hat er keine Finger mehr. Der eine Fuß ist halb amputiert, der andere steckt in einem Verband. Aber seine beiden uralten Maschinen hält er blitzblank und gut geölt in Schuss.
Auf einer Pflegestation liegen 18 Männer mit Verbänden über Kopf und Augen. Sie haben Staroperationen hinter sich. Jedem erklärt Bruder Prem Anand, dass nach dem Bericht des Chirurgen alle Operationen geglückt sind, dass sie alle wieder sehen werden. Er berührt jeden am Arm oder an der Schulter, fährt durch einen Haarschopf. Auf einer andern Station scherzt er mit Männern, die beim Essen sind. Sie tun es mit Löffeln, die an ihre Armstümpfe geschnallt sind. Auf der Infektionsstation ist ein 15jähriger Junge, das Gesicht und die Arme voller lepröser Flecken. Ob er geheilt werden kann? "Oh, unbedingt", sagt Bruder Prem Anand. "Mit hundertprozentiger Sicherheit."