Die Königin des Friedens

Im Jahr 1965 erhielt Mutter Teresa vom Vatikan die Erlaubnis, auch außerhalb Indiens tätig zu werden. Sie schickte sofort ein Team von vier Schwestern nach Cocorote in Venezuela, in ein Gebiet äußerster Armut, bewohnt von den Nachkommen der Neger, die einst zur Arbeit in den Kupferminen aus Afrika hierhergebracht wurden. Mit dem nächsten Schritt wurde der Orden in Rom selbst ansässig und tätig. 1970 bezogen die Missionare der Nächstenliebe ein verkommenes Stadtviertel in London und 1971 gingen sie ins reiche Nordamerika.
Die Tätigkeit in Nordamerika begann im Herbst 1971 damit, dass Mutter Teresa das New Yorker Stadtviertel South Bronx in Augenschein nahm. Eileen Egan, eine Schriftstellerin, die sie an diesem Tag begleitete, schrieb, es habe sich ihnen ein Anblick geboten wie in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg: "Da gab es Strassen, in denen fast alle Häuser völlig verfallen waren, und überall türmten sich Haufen von Abfall. Anderswo sah man Männer auf den Eingangsstufen sitzen, den Blick gesenkt, die Hände schlaff zwischen den Knien."
Innerhalb weniger Wochen hatte Mutter Teresa ihre ersten Nonnen in die South Bronx geschickt. Heute, 16 Jahre später, bewegen sich Nonnen sicher durch diese finstere Gegend mit ihren demolierten Gehsteigen, verwahrlosten Häusern, Baulücken voller rostender Autowracks und faulendem Müll. Im Sommer 1987 besuchte ich, noch immer auf der Spur von Mutter Teresa und ihrer Arbeit, das berüchtigte "Fort Apache"- Viertel. In der 146. Strasse finde ich das Ordenshaus Königin des Friedens. Hier besorgen etwa ein Dutzend Schwestern sowohl die Aufgaben der Mission am Ort als auch die des regionalen Hauptquartiers für ganz Nordamerika - 21 Häuser in den USA und drei in Kanada.
Das Ordenshaus erinnert mich an Kalkutta, wo Schwester Luke mir geraten hatte, mir "eine Schürze umzubinden und mitzuhelfen". Mein erster Auftrag ist das Öffnen von riesigen Dosen mit Tomatensoße, Erbsen und Mais, schweren Behältern mit Preiselbeergelee. Alles dient der Vorbereitung der Morgenspeisung der Bedürftigen der South Bronx, die in drei Schichten abgewickelt wird.
Das nervenaufreibende Unternehmen beginnt gegen 8.30 Uhr im feuchten, vollgestopften Kellergeschoss der Mission. Schwester Stanislava, die aus Jugoslawien stammt, dirigiert ihre Helfer vor eine geräumige Tiefkühlkammer. Ein paar von ihnen schleppen große Aluminiumtöpfe mit tiefgefrorenem Suppenkonzentrat nach oben, das von einem Krankenhaus zur Verfügung gestellt wird, andere Kartons mit Brot, Brötchen und Schmalzgebäck vom Vortag, gespendet von Bäckereien und Supermärkten, dazu ein paar Schinken. Aus einer Ecke des Kellers kommen welche mit unansehnlich gewordenem Obst und Gemüse. Ein paar von uns fangen an, die überreifen und schimmligen Stellen wegzuschneiden.
Die Suppenküche ist ein Wunder an umgänglicher Teamarbeit. Es fällt kein unfreundliches Wort, und trotzdem läuft alles wie geschmiert. Freiwillige Helfer und Novizinnen arbeiten nach den Anweisungen von Schwester Stanislava und Schwester Marie-France, die die Gesamtleitung hat. Sie ist Französin, ein liebes, großmütterliches Wesen, ist verwitwet und hat Kinder und Enkelkinder daheim in Frankreich, wo sie früher ein Restaurant betrieben hat. In der Verzweiflung und Ratlosigkeit nach dem Tod ihres Mannes wurden die Missionare der Nächstenliebe für sie zu einer Art Offenbarung. Sie trat als Novizin in Rom ein, legte ihre letzten Gelübde in San Francisco ab und ist wunschlos glücklich, in der Bronx Jesus dienen zu können. Zu ihren Helfern gehören Seminaristen auf Urlaub aus den USA, Kanada und Frankreich und ein freiwilliger Helfer, der seine Augen überall hat, Gene Principe.
Gene spricht mit einem unverfälschten, breiten New Yorker Akzent; er ist ein drahtiges Energiebündel mit leicht ergrautem Bürstenhaar. Er verteilt Plastikbecher und -bestecke für die erste Essensrunde auf den Klapptischen, dann rote und blaue Spielkarten mit rückseitig aufgemalten Zahlen an die draußen Wartenden. So wissen sie, in welcher der drei Schichten sie drankommen.
Gene schleppt Essensportionen, begrüßt die Ankommenden, organisiert. Vor vier Jahren, mit 52, musste er aus gesundheitlichen Gründen sein Hobby aufgeben, jeden Tag über 20 Kilometer zu joggen. Nun stellt er seine Tatkraft und Ausdauer dreien der sechs Häuser von Mutter Teresa in und um New York zur Verfügung. Er beobachtet, wie verhärtete Männer, verbitterte Frauen "allmählich merken, dass die Schwestern und Helfer wirklich mit dem Herzen für sie da sind, und dadurch anfangen, mit sich selbst ins reine zu kommen".
Es ist 9.30 Uhr. Die Arbeitsmannschaft sammelt sich zu einer kurzen Andacht mit Gebet und Gesang; dann wird die erste Schicht eingelassen. Ich helfe beim Auftragen der Teller mit Suppe, der Salate, der gefüllten Pfannkuchen für die Gestrandeten: Schwarze, Latinos und ein paar weiße. Manche sind völlig ausgebrannt. Aber die meisten wirken körperlich fit und anständig angezogen. Es erschüttert mich, dass die Mehrzahl jüngere Menschen von 20 bis kaum 50 Jahren sind. Sie sind ohne Arbeit, haben kaum Aussicht, Arbeit zu finden.
Es sind Männer, die zu allem fähig sind, Typen, vor denen man sich draußen auf der Strassen in acht nehmen muss. Doch als Schwester Stanislava ein paar Worte über die Liebe zum Nächsten spricht, sind alle still und ehrfürchtig. Und als sie das "Lobe den Herren" anstimmt, singen viele mit.
Zwei von ihnen standen unmittelbar davor, wegen einer Rauschgiftsache einen Mann "umzulegen" (wie sie später Pater Joseph Langford, einem Priester der Ordensschwestern, anvertrauten). Doch als sie zur Speisung hereinkamen und die Botschaft hörten, entschlossen sie sich, von der Tat Abstand zu nehmen. Gene Principe erzählt: "Ein Typ, der jetzt eine Entziehungskur macht, hat mir geschrieben, hier bei uns hätte er wieder beten gelernt. Genau darum geht es. In allem anderen sind wir nichts als Fürsorger und Sozialarbeiter."
Es geht auf Mittag, die drei Schichten sind geschafft, die Suppenküche ist geputzt. Oben im Haus haben andere Schwester, von Helfern unterstützt, die zwei Stockwerke der Männerherberge mit ihren Vierbettzimmern hergerichtet und sind jetzt bei der Einweisung von Helfern, die sich zur Mitarbeit in dem von den Schwestern betreuten Sommertagescamp für Kinder gemeldet haben.
Wieder andere Schwestern machen sich auf den Weg zur Außenarbeit. Sie klopfen an Türen, hinter denen Alte, Kranke, Invalide sich in verwahrlosten Räumen verschanzt haben, verängstigt durch die Zahl der Einbrüche und Raubüberfälle. Den Schwestern öffnen sie, und die Schwestern setzen sich zunächst einmal nur hin und hören zu. Eine vereinsamte alte Frau, ein gehbehinderter alter Mann erfahren für ein, zwei Stunden menschliche Nähe. Oft ist das der einzige Kontakt, den die Vereinsamten noch zur Außenwelt haben. Im Zuhören, im Gespräch erledigt die Schwester zugleich den Abwasch, räumt auf und putzt, bringt den Abfall weg. Sie besorgt das Einkaufen und trägt auch den Brief an den Sohn oder die Tochter zum Kasten, die nie zu Besuch kommen.
Pater Joseph erklärt: "Sie bringen nut ein Stück Freundlichkeit, und Gott tut das Seine dazu. Die Menschen spüren, dass sie nicht mehr allein sind."
Die Mission Königin des Friedens in der South Bronx kann sich bei ihrer täglichen Speisung vor allem auf den Überschuss an nicht verbrauchter Suppe stützen, den ein Krankenhaus zur Verfügung stellt. Im Heim für mittellose Sterbende in Neu-Delhi kommen Hindufamilien für einen Grossteil der Verpflegung auf. Auch in Paris stammt Gottes Hilfe von weltlicher Seite: in Form der Wurst- und Käsebrötchen, die die Schwestern im Gare de Lyon abholen, unverkaufte Restbestände aus den Speisewagen und Imbisskarren der über 100 Fernzüge, die täglich in den sechs Großbahnhöfen von Paris enden.
So verläuft die tägliche Arbeit der Missionare der Nächstenliebe auch sonst in Europa, wo insgesamt 32 Ordenshäuser bestehen. In Rom sind es vier Häuser, denen neben der täglichen Arbeit die Ausbildung von 100 künftigen Schwestern obliegt, die in den Ordenshäusern wohnen. Eine zweite europäische Großstadt, in der Missionare der nächstenliebe ausgebildet werden, ist Warschau; insgesamt gibt es in Polen vier Häuser des Ordens.
Für die Ordenshäuser in Südeuropa ist Schwester Joseph Michael verantwortlich; sie hat ihr Standquartier im römischen Haupthaus San Gregorio, das ein Heim für 100 Personen unterhält, Männer wie Frauen. San Gregorio, eine der zwölf Missionen in Italien, verteilt außerdem Lebensmittel und Kleidung, verpflegt mit einer Suppenküche nahe der Stazione di Termini 150 Personen täglich, leitet eine Übernachtungsherberge, und die Schwestern besuchen Familien, Krankenhäuser und Gefängnisse.
Die Ordensmission in Palermo besteht aus sechs Schwestern (vier Inderinnen und zwei Italienerinnen), die von freiwilligen Helfern unterstützt werden. Die Schwestern machen Hausbesuche, geben Obdachlosen Unterkunft, betreiben eine Suppenküche. Außerdem kümmern sie sich um Kinder im Grundschulalter, die nach dem Unterricht sich selbst überlassen bleiben. Sie sammeln die von der Strasse auf, helfen ihnen bei den Hausaufgaben und spielen mit ihnen.
Im Sommer organisieren die Schwestern ein Ferienlager für Fünf- bis 13jährige vorwiegend aus kinderreichen Familien, deren Ernährer in Gefängnis sitzen oder arbeitslos sind.
In Rotterdam werden von der Mission, die unter der Leitung von Schwester Rajini steht, an sechs Tagen der Woche täglich 100 kräftige Mahlzeiten ausgegeben sowie eine Reihe obdachloser Frauen betreut. In Mannheim, Karl-Marx-Stadt und Ost-Berlin kümmern sich die Schwestern um alte und kranke Menschen und machen Familienbesuche; in West-Berlin, Essen und Wien haben sie außerdem Suppenküchen eingerichtet. Im portugiesischen Setúbal betreut das Missionshaus der Schwestern von ihren Eltern verlassene Kinder - an einem einzigen Augusttag waren es über 30 im Alter von drei Monaten bis 13 Jahren. Die tägliche Speisung um 11.30 Uhr aus der Suppenküche beköstigt 150 bis 180 Menschen; viele davon stammen aus Angola und Mocambique.
Zusammenfassend erklärt Schwester Joseph Michael: "In all unseren Missionen helfen uns Hausfrauen, Rentner und Rentnerinnen, Seminaristen, ganze Familien. Junge Leute stellen sich für unsere Ferienlager zur Verfügung. Ohne Spenden und ohne den persönlichen Einsatz unserer Helfer könnten wir nicht existieren. Aber wir sind glücklich in dem Bewusstsein, den Armen etwas von der Liebe Gottes mitteilen zu können."