Es ist 8.15 Uhr an einem Augusttag 20 Monate später. Juan, einer der Patienten, stochert lustlos in seinem Frühstück aus Rührei, Melone und Toast. Schwester Sabita, die Oberin, lässt nicht locker: "Alles schön aufessen, Sie müssen zu Kräften kommen!" Dann erwidert sie fröhlich den Gruss des eintretenden Luis, eines Einwanderers aus Kolumbien. Bei seiner Aufnahme ins Heim war er aggressiv und verbittert; doch inzwischen hat er Zuversicht und den verlorenen Glauben wiedergefunden. In einem Gemeinschaftsraum im ersten Stock unterhalten sich weitere Patienten. Im Raum stehen Bücher und eine Stereoanlage, aber kein Fernsehgerät. "Wir möchten, dass sie miteinander reden, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit bekommen", erklärt Schwester Sabita. "Das Fernsehen lässt jeden mit sich allein, das ist nicht das Richtige."
Die vier Schwestern im Haus sind seit 4.40 Uhr morgens auf den Beinen. Bis 8 Uhr bleiben sie in ihrer Unterkunft in den Kellerräumen. Jetzt beginnen sie mit dem Sterilisieren des Geschirrs in kochendem Wasser und dem Auswischen des Hauses mit Desinfektionsmitteln.
Ich helfe ihnen dabei.Victor, ein Vietnamveteran, ist nicht in seinem Zimmer. Während ich beim Bettenmachen helfe, fällt mein Blick auf den grauen Teddybär, der munter auf dem Regal darüber thront. Und auf die Bücher neben dem Bett - die Bibel, Geheimnisse des Herzens von Khalil Gibran, die Mystik des Heiligen Johannes vom Kreuz. Sie gehören dem gleichen Mann, der einmal hoffnungslos süchtig und mit sich und der Welt zerfallen war. Auf dem Schreibtisch sehe ich den handgeschriebenen Gruß von Mutter Teresa, mit dem er bei seiner Ankunft im Haus empfangen wurde, damals verdüstert und voller Hass:
"Lieber Victor, Jesus ist für Sie da. Seien Sie für andere da, wie Jesus für Sie da ist.
Gott segne Sie."Seit 13 Monaten wird Victor im Hospiz gepflegt. Wenn er stirbt, sagt er, wird ihn "Liebe empfangen, kein furchtbar zürnender Gott". Ein paar Monate nach seiner Aufnahme hat er sich taufen lassen. Warum? "Ich wünschte mir den Frieden, den die Schwestern haben."
Juan ist sehr erschöpft, aber man hat ihn gebadet, und er sitzt frisch angekleidet in einem Sessel. Er wirkt apathisch, aber er ist hellwach. Plötzlich entsteht unten im Haus Bewegung, und eine Stimme ruft nach Schwester Sabita, sanft, aber dringlich: "Mutter ist da! Mutter ist da!"Mutter Teresa, die sich mehrere Tage in New York aufhält, ist zu Besuch gekommen. Die alte Dame mit ihrem kranken Herzen steigt hinauf in den zweiten Stock und kommt zu Juan. Sie weiß, dass er dem Tod nahe ist. Sie legt ihm leicht die Hand auf die Schulter und sagt es ihm ohne Umschweife: "Du gehst zu Jesus, Juan. Und wenn du ankommst, wird es ein großes Willkommen geben. Denn Gott liebt dich."
Juan blickt Mutter Teresa an, und auf dem erschöpften Gesicht glänzt ein Lächeln auf. Er greift nach ihrer Hand, und sie überlässt sie ihm."Wenn du zu Jesus kommst, Juan, sag ihm, dass wir dich lieben. Ich liebe dich und die Schwestern und die Helfer und die Patienten, wir alle lieben dich. Er wird wissen, dass du voll Liebe bist."Und dann setzt sie hinzu, obwohl es im Augenblick gar nicht nötig scheint, weil Juan strahlend zu ihr aufblickt: "Kopf hoch!"
Und damit ist Mutter Teresa draußen, geht die Treppe hinunter, tritt auf die Strasse und ist im Begriff, in einen ramponierten Kleinlaster zu steigen. Da fällt ihr Blick auf das Schild "Zu verkaufen", das am Nachbarhaus angebracht ist. Sie wendet sich ab, steigt ins Fahrzeug, und der Motor springt an, nicht ohne ein paar Mal zu knallen. Plötzlich ist sie wieder draußen. Mutter Teresa kniet vor dem Haus nieder, das zu verkaufen ist, und betet. Sie befestigt eine geweihte Medaille am Zaun neben dem Schild und betet erneut. Dann sagt sie zu mir:
"Wir könnten noch 15 oder 20 mehr aufnehmen....die Häuser sind direkt nebeneinander....das wäre so schön. Wenn Gott will, dass wir es bekommen, wird er es ermöglichen."
Schwester Sabita, im Augenblick vielleicht etwas perplex, lächelt ergeben.
Nachdem Mutter Teresa abgefahren ist, geht es mit Juan zu Ende. Spät in der Nacht kann er Jesus sagen, dass er im Leben viel Liebe gefunden hat.