Vor der 6-Uhr-Frühmesse kniet eine alte Nonne allein betend in der blankgeschrubbten weißen Kapelle in der Commissioner Lane Nr. 12 in Neu-Delhi. Dann kommen zwölf Ordensschwestern in weißen, mit blauer Borte abgesetzten Saris und lassen ihren Gesang erschallen: "Gott ist Güte! Gott ist Wahrheit! Gott ist die Liebe! Lobet ihn!" Eine Gruppe lediger Mütter verschiedenster Religionszugehörigkeit erscheint. Novizinnen bringen ein paar Kinder herein. Eine von ihnen versucht sanft, einen 18 Monate alten Jungen zu beruhigen. Die Nonnen unterbricht ihre Andacht, schaut hoch und lächelt kurz. Ein indischer Priester liest die Messe."Die Messe ist beendet", sagt der Priester. "Geht in Frieden." Die Missionare der Nächstenliebe drängen fröhlich schwatzend hinaus, nach ihnen 15 muntere Kinder, die jungen Mütter, der Priester, ein ausländischer Besucher. Nur die kleine alte Nonne in ihrer blauen Strickjacke bleibt zurück. Auf dem Boden kniend, betet und betet sie. Sie spricht laut zu Gott.
Das ist Mutter Teresa, schon zu Lebzeiten so etwas wie die Heilige von Kalkutta. Später kommt sie aus der Kapelle, steht unter einem großen Eukalyptusbaum und segnet die jungen Frauen, die auf sie gewartet haben. Mit der großen, abgearbeiteten Hand streicht sie einer jeden über den Kopf. Einen Säugling mit verwachsenen Beinchen nimmt sie auf den Arm, blickt liebevoll auf die anderen Kinder."Wie schön", sagt sie leise. Und dann lauter mit einem Blick, der den Besucher heranholt: "Sie bekommen alle ein gutes Zuhause in Indien oder Europa. Adoptionen sind unsere Waffe gegen Abtreibungen."
Ich trete näher. Nach zwei Jahren ist es mir schließlich gelungen, mit dieser gebeugten, runzligen alten Dame von 76 Jahren zusammenzutreffen. Sie wirkt sichtlich überanstrengt. Im Augenblick besucht sie hier eines der 146 Häuser ihres Ordens in Indien, eines von etwa 350 in 71 Ländern der Welt, in denen ihre Missionare der Nächstenliebe unter den Ärmsten der Armen wirken, wie Mutter Teresa sie nennt.
Es ist klar, dass Mutter Teresa wie jeder Mensch mit großer Verantwortung ihren eigenen Führungsstil hat - und er muss sehr wirkungsvoll sein, dass damit 126000 Familien ernährt, 14000 Kinder in 97 Schulen unterrichtet, 186000 Leprakranke und 22000 mittelose Sterbende betreut werden können. Mit wachsender Bewunderung bezeichne ich ihren Stil als flexibel - je nach Bedarf oder accor-r-r-r-ding, wie sie mir in ihrem Englisch mit indischem Akzent sagt.
Das erklärt sie mir ziemlich kurz angebunden - weil es für sie so selbstverständlich ist. Gott ist die immer tätige Liebe, sagt sie. Und er kann ja den Menschen jederzeit einsetzen, ihm dort zu dienen, wo eben Bedarf ist. Also vertraut man ganz auf ihn - und organisiert nicht zuviel.
Trotzdem, wie hat eine einzige Frau es zuwege gebracht, weltweite Anerkennung zu finden, den Friedensnobelpreis 1979 zu bekommen, in weniger als 40 Jahren einen geistlichen Orden auf die Beine zu stellen, der sich von der einen Person seiner Gründerin inzwischen auf über 3000 Schwestern und 400 Brüder erweitert hat? "Gottes Hand hat das zuwege gebracht", sagt Mutter Teresa ruhig. "Mein Werk war es nicht. Denn menschlich gesprochen, war es ein Ding der Unmöglichkeit. Er hat das Werk geschaffen."
Schon, ehrwürdige Mutter, aber wie arbeiten Sie dann mit ihm zusammen? Wie entscheiden Sie über die Einrichtung eines neuen Leprazentrums (es gibt inzwischen 119), einer mobilen Poliklinik (745), eines neuen Ordenshauses?
"Je nach Bedarf", antwortet sie. Planen Sie Ihre Reisen im voraus, ehrwürdige Mutter, haben Sie einen Terminkalender?"Nein. Je nachdem, wo Bedarf ist. Ich reise nur so viel wie nötig und nur dahin, wo Jesus mich hinhaben möchte."
Ungefähr zwei Jahre lang hatte ich mich bemüht, Mutter Teresa dazu zu bewegen, dass sie mir einen festen Termin nannte, an dem sie mich in Kalkutta zu empfangen bereit sei - dieser katastrophalen, im Elend ertrinkenden Stadt, in der ihre ganze Arbeit begonnen hatte. Sie war herzlich in ihren Briefen und am Telefon aber sie ließ sich nicht festnageln.
Ich verstand bald, aus welchem Grund. Sie war ständig unterwegs, überall in Indien und in Europa. Dann, während der Hungersnot in Äthiopien und im Sudan, musste sie von einem Tag auf den anderen dorthin. Dann war sie auf den Philippinen, dann in Los Angeles, dann bei den Vereinten Nationen in New York. Einmal gelang es mir, sie im Haus ihres Ordens in Toronto ans Telefon zu bekommen. Ich beschwor sie: "Ich kann doch nicht nach Kalkutta fliegen, wenn ich nicht weiß, ob Sie dasein werden!""Tja", gab Mutter Teresa zurück, und nun war tatsächlich ein Augenzwinkern in ihrer Stimme, "wir werden beten."
Schließlich flog ich, meinen Auftrag in der Tasche, nach Indien - und verpasste unterwegs, in Bangladesch, Mutter Teresa nur um 24 Stunden. Ein paar Tage später rief ich von Neu-Delhi aus das Mutterhaus des Ordens in Kalkutta an.
"Oh, sie ist gerade da, wo Sie sind!" höre ich. "Sie besucht ihre Häuser in Neu-Delhi." Aber in der Commissioner Lane Nr.12 erklärt mir die Oberin, Schwester Benedicta, dass Mutter Teresa zwar dagewesen sei, aber schon wieder weg ist: mit einem Kleinlaster auf der langen, heißen, staubigen, holperigen Fahrt nach Chandigarh in einem anderen Bundesstaat. Sie werde in ein paar Tagen zurück sein.
Also warte ich und lasse mich über das Kinderzentrum Shishu Bhavan in Neu-Delhi informieren, in dem Schwester Benedicta und ein Dutzend Mitschwestern über 50 Kleine betreuen. Schwester Benedicta weist auf einen Säugling, ein kleines Mädchen. Ein Straßenkehrer hat es am Rand eines verfallenen Gehwegs gefunden, in Lumpen gehüllt, ausgesetzt. "Bald wird sie eine liebende Mutter haben", sagt Schwester Benedicta. Das Mädchen wird eines von einigen hundert Kindern sein, die von den Missionaren der Nächstenliebe jedes Jahr zur Adoption freigegeben werden.
Eines Mittags ist Mutter Teresa aus Chandigarh zurück, und endlich können wir uns kurz unterhalten. Schon ehe Alter und Strapazen die kleine Gestalt beugten, war sie nur 1,52 Meter groß. Ihr breites, kräftiges Gesicht ist von tiefen Furchen durchzogen, die Haut durchsichtig und zerknittert wie die einer alten Frau. Dennoch wirkt sie imponierend. Der Blick ihrer blauen Augen ist fest, energisch, aber nicht unfreundlich. Die Hände und Füße sind groß, knochig, mit knotigen Gelenken - die einer alten Putzfrau, die viele Fußböden geschrubbt hat.
Sie ist gerade erst zurück, aber sie muss schon wieder weg, um ein anderes Haus in Neu-Delhi zu besuchen. Sie will "die Arbeit" publik gemacht sehen, erklärt sie mir, nicht sich selbst. "Ich bin unwichtig." Sie löst ein Blatt aus meinem Notizbuch und schreibt: "Schwester, bitte lassen Sie Mr. Tower die Arbeit beobachten und ein paar Erklärungen dazu auf Band aufnehmen. M. T." Dann falten sich ihre knorrigen Hände zum Gebet, und wenige Augenblicke später klettert sie wieder auf den Beifahrersitz des Kleinlasters und ist fort. Ihre 17 Wörter öffnen mir jede Tür.

Titelseite

  • Vor der 6 Uhr Frühmesse.....

Eine klare Berufung

In Fieberglut

Die Lampe der Liebe

Armut: Mangel an Mitmenschlichkeit

"Herzen und Hände"

Leprakolonie

Ja, Mutter, das will ich tun

Die Königin des Friedens

Menschenwürde für Diskriminierte

Tätige Nächstenliebe