Eine klare Berufung
Agnes Gonxha Bojaxhiu kam im August 1910 als Kind wohlhabender albanischer Eltern in Skopje zur Welt, das heute zu Jugoslawien gehört. Tief religiös, schon mit dem Wunsch, den Armen zu helfen, ging sie mit 18 Jahren nach Dublin und trat dort in die Abtei der Schwestern von Loreto ein. Hier lernte sie Englisch. Im gleichen Jahr, 1928, wurde sie zum Antritt ihres Noviziats nach Darjeeling in Indien, in die südlichen Ausläufer des Himalaja, geschickt. Von 1931 an wirkte sie an einer höheren Schule der Loreto-Schwestern in Kalkutta als Lehrerin und später als Direktorin.
Jenseits der hohen Betonmauer, die die grünen Rasenflächen der Klosterschule und die adrett uniformierten Schülerinnen gegen die Aussenwelt abschirmt, liegt das Elendsviertel von Moti Jheel mit seinen grundlosen Wegen und ärmlichen Behausungen. Von ihrem Zimmer aus konnte Schwester Teresa es überblicken. Sie sah den Schmutz, die zerlumpten Kinder, die offenen Kloaken, die Krankheit, den Hunger einer Grossstadt, die damals wie heute ein einziger Sumpf von Not und Armut war. Nach dem Unterricht ging sie oft hinüber, um den Slumbewohnern Medikamente und Verbandszeug zu bringen.
Auf einer Bahnfahrt nach Darjeeling im Jahr 1946 hörte sie ihren zweiten Ruf; sie vernahm ihn "ganz klar. Ich sollte das Kloster verlassen und den Armen helfen, unter ihnen leben. Es war ein Befehl."Es kostete die unbekannte kleine Nonne mit dem starken Willen nur zwei Jahre, sich gegen die Skepsis der vorgesetzten indisch-katholischen Hierarchie durchzusetzen und die Erlaubnis zu erwirken, als "freie" Nonne ausserhalb des Klosters zu leben. In Patna im nordöstlichen Indien unterzog sie sich einer intensiven, wenn auch nur elementaren medizinischen Ausbildung und kehrte in die Slums von Kalkutta zurück.
Ihre erste Schule war ein staubiges Fleckchen Erde, in das sie für fünf oder sechs Kinder mit einem Stock Bengalilettern schrieb. Die Slumbewohner wurden hellhörig, und auf einmal waren ein paar Tische da, dann Bänke und eine Tafel. Und weitere Kinder. Der Vorgang ist ganz bezeichnend. Mutter Teresa sieht ein elementares Bedürfnis gegeben. Sie entspricht ihm zunächst ganz unmittelbar, einfach mit den vorhandenen Mitteln. Die Menschen, denen geholfen wird, dann ein weiterer Kreis sehen das Gute, das geschieht, und beteiligen sich daran. So ist es stets geschehen "je nach Bedarf".
Im März 1949 schloss sich die 19jährige Subashini Das, eine frühere Schülerin aus der Loreto-Schule, Schwester Teresa an. Sie nahm den Namen Agnes an und ist bis heute die Nummer zwei bei den Missionaren der Nächstenliebe. Weitere folgten. Sie bezogen das Dachgeschoss eines geräumigen Hauses, das ein bengalische Christ zur Verfügung stellte. Sie erbettelten für die Armen Lebensmittel und Medikamente, ungenutzte Grundstücke und Notunterkünfte für Ambulanzen und Schulen.
Offiziell etablierte sich der Orden im Oktober 1950. Aus Schwester Teresa, inzwischen indische Staatsbürgerin, wurde Mutter Teresa. Während andere christliche Ordensgemeinschaften seit längerer Zeit im Abstieg begriffen sind, befindet sich die ihre nach Mitgliederzahl und Aktivitäten in voller Entfaltung. Sie beruht auf einer schlicht ausgesprochenen Grundüberzeugung. "Im Innersten", erklärt Pater George D`Campo in Kalkutta, "ist sie eine mit Charisma begnadete Christin, die gläubig davon ausgeht, dass wir im Dienst an den Ärmsten unmittelbar Gott dienen."
Etwas schroff hat Mutter Teresa auf kritische Stimmen reagiert, die ihr nahe legen wollten, öffentliche Kampagnen gegen die ursächlichen Wurzeln der Armut zu führen: "Das ist Gottes Sache. Das ist nicht meine Aufgabe. Jemand hat mal zu mir gesagt: Warum geben Sie den Leuten Fische zu essen? Warum geben Sie ihnen nicht die Rute, um Fische zu angeln? Da habe ich gesagt: Meine Leute können sich doch nicht einmal auf den Beinen halten. Es sind Sieche, Verkrüppelte, Geisteskranke. Wenn ich sie mit meinen Fischen so weit gebracht habe, dass sie auf eigenen Beinen stehen können, dann werde ich sie zu Ihnen schicken. Dann können Sie ihnen die Rute zum Angeln geben!"
Mutter Teresa lebt mit ihren Missionsschwestern der Welt beispielhaft vor, was Gott nach ihrer Überzeugung als wesentlich zur Überwindung der Armut von uns erwartet. "Das einzige, was die Armut beseitigen kann, ist das Miteinander-Teilen. Jesus ist zu den Ärmsten gekommen, um die Menschen zu lehren, was Mitmenschlichkeit heißt. Es heißt, dass die Besitzenden von dem, was Gott ihnen geschenkt hat, denen etwas abgeben, die nichts besitzen."