In Fieberglut
Wie mächtig das Vorbild dieser Nächstenliebe wirkt, zeigt sich deutlich in dem großen Kreis ihrer Förderer. Die Familie der Mitarbeiter von Mutter Teresa vereint - als die "unorganisierteste Organisation der Welt", wie sie es nennt - über drei Millionen Menschen in 70 Ländern. Sie verstehen sich selbst vor allem als Übermittler der Liebe Gottes an die Ärmsten der Armen in deren Umgebung. Sie besuchen die Alten, die Kranken, Gefangene und Vereinsamte; sie arbeiten in Suppenküchen und Herbergen für Obdachlose und hilflose Personen. Daneben unterstützen sie die Missionare der Nächstenliebe bei der Beschaffung von Lebensmitteln, Kleidung, Medikamenten, Krankenwagen und Baulichkeiten für die Bedürftigen. Es begann im Jahr 1954 damit, dass Ann Blaikie, die Frau eines Kalkutta tätigen englischen Rechtsanwalts, das Bedürfnis hatte, mit Mutter Teresa Kontakt aufzunehmen. Sie wusste nur, dass da eine Nonne war, die Babys aus Mülltonnen rettete. Sie erschien bei Mutter Teresa und erbot sich, zur Weihnachtsfeier den Kindern Spielsachen zu stiften. "Was die Kinder brauchen", gab Mutter Teresa zurück, "sind Sachen zum Anziehen." Nach der Feier wünschte sie sich Kleidungstücke für die Moslemkinder zum Ramadan. Und danach für die Hindukinder zu ihrem Dewalifest. Das war der erste Schritt. Dann sammelten die Helfer auch für die Arbeit unter den Aussätzigen Geld. Der Kreis der Förderer erweiterte sich, und diejenigen, die aus Kalkutta in ihre Heimatländer zurückkehrten, verbreiteten den Gedanken der Hilfsbereitschaft im Geist Mutter Teresas weiter. Ihre Hingabe an die Arbeit wirkte verpflichtend - aber auch ihr Humor. Einmal fühlte Ann Blaikie sich fiebrig und schickte ihren Chauffeur mit einer Entschuldigung für ihr Fernbleiben. Der Chauffeur kam mit einem Brief von Mutter Teresa zurück: "Ich glühe auch von Fieber, aber der Leib brennt besser in dieser Welt als in der nächsten." Am 26.März 1969 gab Papst Paul VI. der Internationalen Vereinigung der Mitarbeiter von Mutter Teresa seinen Segen. Ann Blaikie wurde zur vorsitzenden gewählt. Als Mutter Teresa im Winter 1970 London besuchte, stieß sie auf dem Trafalgar Square auf alte Männer, die dort im Freien schliefen. Am Covent-Garden-Markt brach ein Heroinsüchtiger vor ihren Füssen zusammen und starb an einer Überdosis von Barbituraten. "Seht euch daheim in euren Häusern, auf euren Strassen um", sagte sie zu ihren Mitarbeitern, "und bringt den Menschen Gottes Liebe, wie die Brüder und Schwestern es tun würden, wenn sie hier wären." Das sei wichtiger als Geldsammlungen für die dritte Welt, erklärte sie und fügte hinzu: "Gott sorgt schon für uns." "Sie hatte recht. Gott sorgt für uns", sagt Mrs. Blaikie. Mutter Teresa hatte für ein Haus westlich von London, das für 9000 Pfund zum Verkauf stand, 6000 Pfund geboten. Als die Eigentümerin von Mutter Teresas Vorhaben erfuhr, setzte sie den Preis entsprechend herab. "Damit blieb uns immer noch das Riesenproblem, diese 6000 Pfund zusammenzubringen", erinnert sich Ann Blaikie. Mutter Teresa besuchte anschließend andere Bitarbeiter überall in England, wie üblich immer ihren alten Strickbeutel mit hölzernen Henkeln unter dem Arm. Bei ihrer Rückkehr übergab sie den Beutel Anns Ehemann. "Ich glaube, da ist einiges Geld drin", sagte sie. Unterwegs hätten ihr die Leute unaufgefordert immer wieder etwas hineingeschoben, erklärte sie. John Blaikie fand ein paar Handvoll Scheine, Schecks und Münzen in dem Beutel und fing an zu zählen. Als er fertig war, zog er einen einzigen Fünfpfundschein aus seiner Tasche und legte ihn zu der Kollekte. "Da sind 6000 Pfund für Ihren Hauskauf."