Die Lampe der Liebe
Tätige Liebe, die von dem abgibt, was sie besitzt, ist am Werk in der Magazine Road 1 in Neu-Delhi, dem Heim für mittellose Sterbende, in die sich niemand sonst kümmert. Sie zeigt sich in der fixen Tüchtigkeit, mit der ein Mann in abgetragenem sandfarbenem Pullover, der immerzu vor sich hin summt, sich um zwei Gelähmte kümmert - ein gehfähiger Dauerpatient, der die beiden an ihr Feldbett gefesselten Mitpatienten füttert und badet. Sie zeigt sich an der jungen Österreicherin Veronika, die ein paar alte Männer betreut, die sich in ihren indischen Armeejacken kerzengerade halten. Sie zeigt sich an Mary, einer älteren Helferin aus Kanada, die sich die Reihen hindurch an Bett nach Bett kniet, um unter Decken liegende schweigende Gestalten, die nur noch Schatten sind, Medikamente einzuflössen. Auch sie gehören zu den 140 Patienten des Heims - Greisen, Verkrüppelten, Schwachsinnigen oder Geisteskranken im letzten Stadium des Siechtums oder Verhungerns, die von der Polizei oder von Passanten eingeliefert worden sind.
Mary, eine Laienhelferin des Ordens, hat "hier im schlichtesten Dienen Frieden und Erfüllung gefunden". Jetzt flösst sie einem jungen Mann, dem durch einen Unfall beide Arme an den Schultern abgetrennt worden sind, einen Brei aus altbackenem Brot in Milch ein, Speisereste aus dem Flughafenrestaurant von Neu-Delhi. Um sie herum sind ein Dutzend lebhafte jugendliche indische Helfer dabei, Patienten zu rasieren, ihnen die Haare zu schneiden, Fenster zu putzen.
Was diese Menschen motiviert, kann man auf einer Urkunde in der Vorhalle lesen. Sie nennt als Begründung für die Verleihung des Shiromani-Preises 1986 an Mutter Teresa durch den früheren indischen Staatspräsidenten Giani Zail Singh: "Sie hat für die Ärmsten der Armen und die Niedrigsten der Erniedrigten die Lampe der Liebe entzündet."