Tätige Liebe ist in Kalkutta auch im Nirmal Hriday am Werk, dem "Haus des reinen Herzens". Bruder Harry D´Souza und ein Helfer sind dabei, zwei in der letzten Nacht Verstorbene hinauszutragen. Der eine war erst ein paar Stunden vorher mit kaum noch flackerndem Puls eingeliefert worden; der Leichnam wird von der moslemischen Gemeinde zum Begräbnis abgeholt. Den anderen, Mr. Roy, den man wochenlang liebevoll gepflegt hatte, holen Hindus zur Einäscherung. Beiden war Fürsorge und Güte zuteil geworden, ein Lächeln, eine zärtliche Berührung, ein Gebet. Sie konnten in Würde sterben. In solchen Handreichungen erfüllt sich der Wunsch, den ich unter einem Jugendfoto von Schwester Teresa gedruckt sehe: "Möge alles, was ich tue, etwas schönes für Gott sein." Nirmal Hriday war Mutter Teresas erstes großes Projekt, und es ergab sich "nach Bedarf". Sie hatte eine Greisin sterbend auf der Strasse in der Nähe eines Krankenhauses gefunden und konnte nicht erreichen, dass sie dort oder irgendwo anders aufgenommen wurde. Sie war auf einen toten, erschütternd abgezehrten Mann gestoßen, wiederum vor einem städtischen Krankenhaus. Mutter Teresa suchte einen Ort, wo Menschen in Frieden sterben konnten. Die Stadtverwaltung stellte ihr ein ehemaliges Rasthaus für Hindupilger neben dem Tempel der Göttin Kali zur Verfügung, einem Heiligtum, das von der Bevölkerung gern aufgesucht wird. Heute ist es eines der 145 Heime für Arme und Sterbende, die von Kalkutta bis Los Angeles entstanden sind. Im gedämpften Licht drinnen im Nirmal Hriday hat sich der alte Mann in Bett 42 heftig aufgerichtet, blickt fordernd um sich und will offenbar etwas. "Ja Babu?" sagt der immer freundliche 23jährige Nicolas, ein angehender Außenhandelskaufmann aus Frankreich. "Brauchen Sie die Bettpfanne?" Doch der Alte verlangt nicht für sich selbst Hilfe, sondern für den Bettnachbarn von 43, Ravi, einen alten Hindu, dem zu elend ist, um sprechen zu können. Nicolas setzt einen Becher an Ravis Lippen. Begütigend redet er dem alten Mann zu, der zwar die Worte nicht versteht, aber den Geist, in dem sie gemeint sind. Beispiele solcher Fürsorge gibt es viele, wenn man die Reihen von Feldbetten und Strohsäcken in den Sälen von Nirmal Hriday überblickt. "Das ist unser Alltag", bemerkt Schwester Luke lächelnd, die mit einem Korb voll frischer Laken über dem kräftigen Arm an mir vorbeieilt. "Eingeteilt bin ich für Aufsicht und Wäscheinventur", erklärt sie knapp und sachlich, aber man spürt die Herzenswärme. Sie ist seit 15 Jahren Leiterin von Nirmal Hriday. "Aber wenn ich beim Umbetten bin, dann empfinde ich den inneren Frieden und die Freude am stärksten. Denn dann tue ich ja eigentlich etwas für Jesus. Sie werden gleich verstehen, was ich meine", sagt sie auffordernd, "wenn Sie sich eine Schürze nehmen und mittun". Ich folge dem Rat der klugen Schwester und schließe mich den jungen Leuten aus der Vereinigten Staaten, Europa, Japan und Kanada an, für die das Helfen in Kalkutta ein "Pflichtaufenthalt" geworden ist, bei dem aus Tagen Wochen und Monate werden können. Was zieht sie hierher? "Es muss doch eine neue Mitverantwortung in die Welt kommen", sagt mir Nicolas, der junge Franzose, "eine Ethik des Teilens und Sorgens, und hier finden wir sie so vielfältig konkret praktiziert." Er weist mich ein, und ich setze mich eine Weile an das Bett des 46 Jahre alten Ghopal, damit er spürt, auch ohne dass wir uns sprachlich verständigen können, dass jemand für ihn da ist. Ich sehe, wie währenddessen ein junger Japaner einem alten Mann, der sonst nichts essen kann stückchenweiße eine weich Banane in den Mund schiebt. Ich beobachte wie Pamela, eine junge kanadische Krankenschwester, bei einem Mann, der nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen scheint, wieder und wieder eine Vene sucht, in die sie die Spritze stechen kann. Gail aus den USA, eine Medizinstudentin in den ersten klinischen Semestern, steht über eine eben eingelieferte abgezehrte Frau gebeugt, die auf einem Strohsack liegt. Die Frau ist nicht bei Bewusstsein, und ihr Knie ist eine einzige dicke rote Schwäre, in der es von Maden wimmelt. "Neben dem Wundenreinigen geht es hier meistens um den Einsatz von Antibiotika gegen Tuberkulose und Lungenentzündung", erklärt mir Gail. "Diese Menschen waren nah am Verhungern. Etwa die Hälfte stirbt hier, aber wenigstens mit ein bisschen Liebe und Fürsorge, bevor es zu Ende geht." Tony, ein junger Kanadier, stellt die diversen Tabletten- und Sirupdosierungen zusammen, die wir an die Betten bringen. Als wir einen Moment Pause haben, zitiert er mir, was er an seine Eltern geschrieben hat: "Ich bin niemals lebendiger gewesen als hier in diesem Haus ses Sterbens, niemals dem Himmel so nahe wie in dieser Hölle." Er blickt um sich, dann sagt er: "Man kommt sich ja fast egoistisch vor, weil es einem soviel gibt. Man kann das immer wieder gesagt bekommen in der Schule und in der Kirche, dass es einen Gott gibt, dass man glauben muss, auf ihn vertrauen. Hier kann man ihn lebendig erfahren, indem man ihn in den Menschen sieht."