Einer von denen, die immer wieder als Helfer nach Kalkutta zurückkehren, war der Maristen-Bruder Thomas Petitte, Lehrer an einer höheren Schule in Lawrence im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts. Das Leid, das er sah, ließ ihn nachts oft nur unter Tränen einschlafen. Am Ende seines dritten Sommeraufenthalts in Kalkutta sprach Mutter Teresa ihm und acht anderen Helfern ihren Dank aus. Aber dann setzte sie ernst hinzu: "Sie sollten in Ihrem Heimatland bleiben und die Armen in Ihrer Umgebung aufsuchen, besonders die Armen, von denen man nichts weiß und nichts wissen will." "Zuerst war ich enttäuscht", erzählt Bruder Tom. Aber erkehrte nach Lawrence zurück, einer Industriestadt mit 60000 Einwohnern, und fand eine Menge versteckte Armut: "Menschen, die schon als Arbeiter schlimm dran gewesen waren und nun, als altes Eisen ausrangiert, total verarmt waren." Mit seiner Entschlossenheit und Wortgewandtheit gelang es ihm, die Stadt von der Notwendigkeit einer Herberge für Obdachlose zu überzeugen. Melchitische Katholiken brachten die Anzahlung auf, 10000 Dollar für einen viktorianischen Altbau mit 15 Zimmern in der Holly Street 48. Bürgerinitiativen beteiligten sich an der Finanzierung, Kaufleute und Institutionen stifteten Lebensmittel und Material. Bautischler, Installateure, Elektriker stellten sich für die Instandsetzung des Gebäudes zur Verfügung, und im Frühjahr 1983 konnte das Lazarus House seine Pforten öffnen. "Wir existieren - dank der Hilfsbereitschaft von Gottes Kindern, dank der Gnade und dem Wirken des Heiligen Geistes und dank schlichtem Fleiß und harten Mühen." Was Bruder Tom und die Einwohner von Lawrence zustande gebracht haben, ist ein Beispiel für den Einsatz der Mitarbeiter und Anhänger Mutter Teresas in einigen hundert Städten in aller Welt. Lazarus House beherbergt heute Obdachlose, die von römisch-katholischen, griechisch-orthodoxen, evangelisch-freikirchlichen und lutherischen Gemeinden und von Sozialdiensten überwiesen werden. Es verpflegt nicht nur sie, sondern auch viele andere, die sich tagsüber hier ihr Essen abholen. Es hilft bei der Beschaffung von Wohnraum und kann manchmal Arbeitsplätze vermitteln. "Es ist wie in Mutter Teresas anderen Häusern", sagt Bruder Tom. "Der Segen wirkt nach beiden Richtungen - auch auf die paar ständigen Mitarbeiter, auf die etwa 70 freiwilligen Helfer und die Hunderte, die auf die eine oder andere Weise ihren Beitrag leisten, weil sie spüren, dass es Jesus ist, dem wir in den Armen dienen." So können dank Nächstenliebe und harter Arbeit im Jahr mehr als 13000 Mahlzeiten ausgeteilt, über 6400 Schlafstellen geboten werden - unter der Obhut eines 21köpfigen Gremiums aus allen Glaubensrichtungen. Am Anfang und am Ende jeder Tätigkeit steht das Gebet. Die allwöchentlichen Gottesdienste sind überkonfessionell und stets überfüllt. Bruder Tom, der inzwischen 42 Jahre alt ist, streift in seiner Kutte weiter durch die Strassen und sucht unter der Central Bridge, in Autowracks und Hausruinen nach Heimatlosen und Ausgestoßenen wie einst vor der Gründung von Lazarus House. Nach dessen Vorbild ist es nun auch in den Nachbarstätten Lowell und Haverhill zur Einrichtung neuer christlicher Herbergen gekommen - "ein typisches Mutter-Teresa-Wunder", erklärt Bruder Tom, "bei dem man mit einer Sache anfängt und Weiteres sich daraus entwickelt - nach Bedarf."