Armut: Mangel an Mitmenschlichkeit

Im Mutterhaus kniet Pamela, die kanadische Krankenschwester, im Gebet, den Rücken gerade. Mutter Teresa mag keine krumme oder nachlässige Haltung, wenn ihre Leute mit Gott sprechen. Pamela ist eine von denen, die "sich mal umsehen wollen", wie Mutter Teresa es nennt.
"Nach mehrwöchiger Helfertätigkeit im Nirmal Hriday ist Pamela Mutterhaus eingezogen, um für 14 Tage einen Eindruck vom Ordensleben zu bekommen, ehe sie sich zum Eintritt entschließt. Sie fügt sich voll in den Tagesablauf von fünf Stunden Gebet und Gottesdienst neben der schweren Tagesarbeit. Danach wird sie, wie Mutter Teresa es vorschreibt, erst einmal ins heimatliche Ontario zurückkehren, um hier in der vertrauten Umgebung alles reiflich zu überdenken. Ist sie der Meinung, die kann im Orden "mehr Frieden finden", dann darf sie um Aufnahme bitten. In den Häusern der Missionare der Nächstenliebe herrscht ein stetiger Zustrom von solchen, die "sich mal umsehen" wollen.
"Diese Gemeinschaft konzentriert sich mehr auf Gebet und Gottesdienst als die meisten anderen Orden", erklärt Pamela. "Sie praktiziert totale Besitzlosigkeit, um ganz frei zu werden für Gebet und Andacht." Es ist ein asketisches Leben. Etwa 200 Postulantinnen wohnen in drei Häusern auf einem Grundstück, das den Schwestern in den 50er Jahren von einem Moslem, der von ihrer Arbeit angetan war, fast umsonst zur Verfügung gestellt wurde.
In allen Häusern Mutter Teresas ist der Stundenplan streng. Man lebt nach der Glocke. Um 4.40 Uhr heisst es aufstehen. Um 5 Uhr ist Gebetszeit, um 6 Uhr Messe. Um 6.45 Uhr ist für die einen Frühstück (eine Tasse Tee, ein paar Chapati-Fladen aus ungesäuertem Teig, eine Banane), für die anderen Wäschewaschen (in Blecheimern). Dann tauschen die beiden Gruppen.
Um 7.50 Uhr läutet die Glocke zum gemeinsamen Gebet. Danach geht es gruppenweise ans Tagewerk: zum Unterricht, den man erhält oder erteilt, zur Arbeit in den Kinderheimen, Schulen, Leprazentren, Essensküchen, mobilen Ambulanzen, Heimen für Sterbende.
Gegen 12.15 Uhr kommen alle zurück, essen zu Mittag und halten umschichtig ihre Mittagsandacht. Das Mittagessen besteht aus gekochtem Reis mit Currysoße, einem wässrigen Gemüseeintopf, einem Stück Fleisch oder Fisch. Dann haben sie, nach acht Stunden, ihre erste - nur halbstündige - Ruhepause, danach eine halbe Stunde stilles Gebet. Anschließend geht es wieder zurück an die Arbeit.
Um 18.30 Uhr kommen alle Schwestern, freiwillige Helfer und Besucher, zum Gottesdienst, Holy Hour, im Mutterhaus zusammen. Der hellstimmige Gesang steht in hartem Kontrast zu dem lärmenden Trubel der Straßenbahnen, Rikschas und Straßenverkäufer, der durch die offenen Fenster hereindringt. Um 19.30 Uhr gibt es Abendessen, ein Gemenge von Bulgur (Weizenflocken) und Reis mit einer Beilage, etwas Gemüse. "Einfach, aber nahrhaft", stellt Schwester Priscilla fest, die Generalsekretärin des Ordens und Mitglied des sechsköpfigen Leitungsbeirats von Mutter Teresa. Dann folgt eine halbstündige Erholungspause, und um 21 Uhr ist Nachtgebet. Um 22 Uhr liegt alles im Bett.
Mutter Teresa hat diesen spartanischen Tagesplan eingeführt und hält sich auch selbst daran - mit einer Ausnahme: Sie arbeitet, nachdem alle im Bett sind, noch bis mindestens 23 Uhr, sehr oft bis 1 Uhr weiter. Pünktlich um 4.40 Uhr ist sie wieder auf den Beinen. "Sie ist schwer herzkrank - ich weiss, dass sie starke Schmerzen hat", sagt Schwester Priscilla. "Aber sie gönnt sich keine Schonung. Sie ist nach wie vor die erste beim Morgengebet und immer noch flink wie ein Wiesel."
Jede Schwester besitzt zwei oder drei Baumwollsaris - "einen zum Waschen, einem zum Tragen" und für feuchtkaltes Wetter "einen zum Trocknen". Sie hat ihre Unterwäsche und Bettwäsche und einen Blecheimer, in dem sie sie wäscht. Sie hat ihre Gebetbücher, Federhalter, Bleistift und Papier für ihre Arbeit - sonst nichts. Keine Uhr, keinen Ring oder sonstigen Schmuck, kein privates Taschengeld.
"Wenn man neu ist, spürt man vielleicht noch den Mangel an allem, was man von zu Hause gewöhnt war", sagt Schwester Priscilla. "Aber das verliert sich. Wir haben alles, was wir brauchen."
Diese Ausrichtung, schlicht und eindeutig auf Armut, so erklärt Schwester Priscilla, "hält die Gemeinschaft kräftig und jung - und lässt sie wachsen". Von überall her ersuchen die Diözesanbischöfe, über die jeder Antrag gehen muss, den Orden um die Eröffnung neuer Häuser. "Wir prüfen zur Zeit 108 Anträge", berichtet Schwester Priscilla , "auf die wir eingehen werden, sobald und soweit wir können."
Jedes neue Haus bedarf der Zustimmung durch Mutter Teresa. Es muss für Aufgaben bestimmt sein, die im Arbeitsbereich der Missionare der Nächstenliebe liegen, und es muss ein dringender Bedarf vorliegen. Aber die Schützlinge Mutter Teresas - "die Ärmsten der Armen" - finden sich keineswegs nur in der dritten Welt. Es gibt 21 Häuser des Ordens in den USA, zwei in Frankreich, 13 in Italien.
Warum sind Sie auch in diesen Ländern vertreten, ehrwürdige Mutter? Frage ich. Haben die nicht Geld genug, sich um ihre Armen zu kümmern?
Ihre leise Stimme wird leidenschaftlicher. "Hungernde Menschen gibt es überall. In New York, in London, in Kanada hat man Suppenküchen. Aber Armut heißt nicht nur ohne Nahrung sein. Sie ist auch Mangel an Mitmenschlichkeit. Glauben Sie mir, es gibt mehr Herzlichkeit in Kalkutta, wo die Menschen bereit sind, von dem bisschen abzugeben, was sie haben, als in vielen wohlhabenden Städten.
Es gibt Menschen, die haben niemanden. Sie sterben vielleicht nicht an Nahrungsmangel, aber sie sterben vor Hunger nach Mitmenschlichkeit. Besonders die Trinker, die Drogenabhängigen. Wir sorgen für sie mit einer Zuwendung, die von Herzen kommt. In großen Städten, großen Ländern sterben Menschen oft einfach vor Einsamkeit, unerwünscht, ungeliebt, vergessen. Das ist eine viel bitterere Armut als die Not, nicht zu essen zu haben."
Schwester Priscilla, die die Planung für New York und ganz Nordamerika geleitet hat, berichtet, dass die Menschen, die ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnten, beim Besuch der Schwestern "regelmäßig" sagten: "Ich habe darum gebetet, es möchte jemand zu mir kommen, und Gott hat Sie geschickt. Ich war so einsam, und nun sind Sie da."
Mutter Teresa ergänzt: Keinem Menschen etwas zu bedeuten, das ist eines der schwersten Leiden."