"Herzen und Hände"

Es ist 5.45 Uhr. Durch die offenen Fenster der Kapelle dringen die grellen Geräusche des erwachenden Kalkutta und mischen sich in den melodischen Gesang der Liturgie. Mutter Teresa sitzt auf dem Fußboden, an eine Wand gelehnt, sichtlich unausgeschlafen. Während der Predigt nickt sie von Zeit zu Zeit ein. Aber beim Sprechen der Gebete ist sie jedes Mal auf den Knien, den Rücken kerzengerade.
Die betet intensiv; es ist wie eine elektrische Ladung um sie. Mit fester Stimme führt sie die Gesänge und Responsorien an und hilft dem Priester beim Austeilen der Kommunion. Dann ist auch diese Messe beendet.
Einige Novizinnen gehen ins nahe gelegene Shishu Bhavan, das größte Kinderzentrum des Ordens. Die kleine Schwester Felix, fix und energisch und seit 30 Jahren Nonne, erklärt mir in ihrem Schnellfeuertelegrammstil, woher die 270 Kleinkinder hier kommen: "Aus Krankenhäusern, Straßengräben, Mülltonnen - von Eltern, die zu arm sind, um die zu ernähren."
"Aus Straßengräben und Mülltonnen, Schwester?"
"Ja, ja. Die legen sie ab und gehen." Hier ist so ein winziges Bündel, ausgesetzt und fast verhungert aufgefunden, jetzt ein kräftiger Schreihals. In einem Spielzimmer wackeln die Wände vom fröhlichen Krach der Drei- und Vierjährigen. In der Krankenstation der gelähmten, verkrüppelten, tuberkulösen oder geistig behinderten Kinder geht einer der fünf Ärzte, die täglich Visite machen, von Bett zu Bett. Etwa 70 Kinder gehören zu dieser Gruppe. Die meisten der übrigen, erklärt Schwester Felix, "werden adoptiert".
Mutter Teresa hat mir unmissverständlich klargemacht, dass sie Abtreibung entschieden ablehnt, gleichviel ob irgendwo Übervölkerung herrscht oder nicht. "Jedes Kind ist doch für Größeres geschaffen: als ein Ebenbild Gottes zu lieben und geliebt zu werden. Deswegen müssen die Menschen sich vorher entscheiden, ob sie wirklich ein Kind wollen. Aber sowie es einmal empfangen ist, ist da Leben, Leben ist Gott. Dieses Kind hat ein Recht darauf, weiterzuleben und behütet zu werden. Dadurch Abtreibung zerstört man zwei Leben, das Leben des Kindes und das Gewissen der Mutter. Zerstören ist noch zu wenig gesagt. Es ist Töten. Jedes Kind ist doch ein Kind Gottes, etwa nicht? Für Größeres geschaffen, genauso wie Sie und ich."
Jeden Morgen werden im Shishu Bhavan über 800 Menschen gespeist. Dafür sind schon in der Nacht 250 Kilogramm Reis, 180 Kilogramm Gemüse und 600 Eier in Riesentöpfen über Holzfeuer im Hof zubereitet worden. Wie Schwester Felix es formuliert:
"Nachts Küchendienst, tags Fütterdienst."
Im übrigen Indien und in der Welt bekochen die Missionare der Nächstenliebe von 190 Zentren aus täglich über 80000 Familien. Jede Woche liefern sie Bulgur, Milchpulver und andere Trockenverpflegung an 45000 Familien.
An einem Vormittag begleit ich in einem Krankenwagen Schwester Alphonse und andere Schwestern und Novizinnen. Hinter uns fährt ein Lastwagen, beladen mit weiteren Novizinnen und Medikamentenkisten. Während wir auf der Fahrt durch das hoffnungslos verstopfte Kalkutta eine Stunde lang durchgeschüttelt werden, singen die Novizinnen hinten im Wagen Choräle und beten den Rosenkranz.
Was macht gute Novizinnen aus? Mutter Teresa meint: "Herzen zum Lieben, Hände zum Dienen", und das scheint die richtige Mischung.
Unser Konvoi ist eine der 745 mobilen Polikliniken der Missionare der Nächstenliebe in aller Welt. Die Novizenschwestern und -brüder erhalten nur eine notdürftige medizinische Ausbildung für die Arbeit in der Ambulanz wie für die in den Heimen oder bei der Leprabehandlung. Vorausgesetzt wird nicht mehr als Oberschulbildung, mitunter nicht einmal die; was sie aber haben müssen, erklärt Schwester Priscilla, ist "Lernfähigkeit". Und dazu "die Fähigkeit, Jesus zu erkennen, und die Bereitschaft, ihm freudig zu dienen - nicht mürrisch und mit schlurfenden Schritten".